Friede, Freude, Eierkuchen? – Das Weltwaertsprogramm


Im lesenswerten Blog von Rapha, einem ehemaligen Weltwaerts-Freiwilligen, der mittlerweile fuer die GTZ in Kigali arbeitet, bin ich auf einen interessanten Artikel ueber das Weltwaertsprogramm gestossen, das er rueckblickend auf die Erfahrungen seines Jahres von verschiedenen Seiten beleuchtet. Ich wollte dazu einen kleinen Comment posten, doch ist dieser Kommentar, in dem ich auf meine Erfahrungen Bezug nehme so gross geworden, dass ich ihn auch hier als meine Wertung des Weltwaertspgrogramms, ueber welches ja auch ich in Ruanda bin, posten moechte, bei der ich die Bedeutung der richtigen Entsendeorganisation besodners hervorheben moechte.


[…]
Ich denke, der Erfolg haengt neben einem selbst auch ganz entscheidend von der Arbeit der Entsendeorganisation ab. Ich bin ueber Sofia,eine kleine Entsendeorganisation des Bistums Trier, hier. Fuer uns wurde sich in der Vorbereitung sehr viel Zeit genommen, weit ueber Auswahlwochenende und 10-taetiges Vorbereitunsseminar, welches von weltwaerts vorgeschrieben ist, hinnaus.

Falsche Erwartungen, insbesondere die Motivation des „Helfens“, konnten so schon im Vorfeld erkannt und korrigiert werden, jedenfalls insofern das in Deutschland im Vorfeld in der Theorie moeglich war. Wir wurden auf einen sozialen Lerndienst und nicht auf einen Entwicklungsdienst vorbereitet. Ich denke, diese Klarheit ueber den eigenen Dienst ist ein wichtiger Punkt.

Dass ich kein Entwicklungshelfer bin, musste ich mir, trotz besseren Wissens aus der Vorbereitung, mir zwar hier, in einem langen, schwierigen Prozess nochmal klar machen, doch sehe ich mittlerweile auch die grosse Chance, die ich als einfacher Freiwilliger habe, der nicht unter dem Druck steht „Entwicklung“ nach Ruanda zu bringen. Natuerlich habe ich eine regulaere, „greifbare“ Arbeit, doch die ist nach meinem Verstaendniss und nach dem meiner Bezugspersonen, den Priestern, mit denen ich zusammenlebe, nicht das wichtigste meines Dienstes.
Viel wichtiger ist es mir, hier gemeinsam ein Jahr mit den Menschen zu verbringen. Ihnen zuzuhoeren und ihr leben kennen zu lernen. Ein Teil davon zu werden.
Das ist es, wozu ich die Chance bekomme.Denn das ist es auch was ich kann. Das ist es wofuer ich die Zeit und auch die Motivation mitbringe. Denn ich bin nunmal Freiwilliger und gerade kein Entwicklungshelfer.
Ich bin so langsam an dem Ende meines Freiwilligendienstes angelangt, ich bin gluecklich, habe viele, nicht immer einfache oder angenehme, Erfahrungen gemacht, die mich letztendlich aber alle sehr bereichert haben, habe mich gut in das Leben eingelebt, viele Freundschaften geschlossen,und ein Land kennen gelernt, dass mir anfangs so fremd, so anders erschien, und dass mir mit der Zeit immer vertraueter, ja zu einer Heimat wurde.
So kann ich wohl meinen Weltwaerts-Dienst auch als erfolgreich werten.

Doch das liegt neben mir selbst und der Unterstuetzung der Menschen in Ruanda um mich herrum, doch auch zu einem grossen Teil an der Entsendeorganisation, die mir gerade diese Freiwilligenstelle ermoeglicht hat.

Denn viele Freiwillige bekommen auch nicht annaehrend solch eine Chance, wie ich sie habe.
Meine Frewilligenstelle ist auf einer Freundschaft zwischen einer deutschen und einer ruandischen Gemeinede begruendet. Dieser persoenliche auch schon im Vorfeld bestehende Kontakt ist warscheinlich im Freiwilligendienstellenbusiness mittlerweile schon eher die Ausnahme, in Zeiten in denen –dank weltwaerts- Traegerorganisationen wie Pilze aus dem Boden spriessen. Aber aus meiner Sicht macht ein Freiwilligendienst nur Sinn, wenn in eine Idetifikation zwischen Freiwilligem und Projektstelle stattfindet. Und wenn du in deinem Blog den DED schon namentlich ansprichst, so kann ich sagen, dass gerade bei vielen DED-Freiwilligen, wenig Identifikation mit dem Projekt stattfindet. Das liegt nicht nur an den Freiwilligen sondern auch stark an denen, ihnen zugewiesenen ungeeigntene Projektstellen. Klar, wenn man 30 Freiwilligenplaetze im Land haben moechte, so koennen die Projektstellen nicht handverlesen sein.

Ich erlebe viele Freiwillige, nicht nur von oben genannter Organisation, bei denen wenig Identifikation mit Projektstelle oder dem Gastland stattfindet. Die entweder gemeinsam in der Hauptstadt wohnen oder zumindest am Wochenende zum partymachen herkommen. Die dadurch wenig vom Land mitbekommen.
Die frustriert sind, weil es im Projekt nicht laueft und sich gegenseitig runterziehen.
Die vor Ort schlecht betreut sind. So kann ein Freiwilligendienst nicht fuktionieren.
So ist es kein Lerndienst und ein „Entwicklungshilfedienst“ noch viel weniger

Meine Kritk an Weltwaerts ist, dass es aus der Arbeit der Traegerorganisationen ein profitables Geschaeft gemacht hat, an dem die verschiedensten Organisationen mit den unterschiedlichsten Motivationen nun partizipieren wollen. Mehr zur Verfuegnung gestellete Projektstellen bedeutet auch mehr Geld fuer die Organisationen, was daher hauefig auch schlechte Projektstellen und schlechte Betreuung durch die Entsendeorganisationen zur Folge hat, da diese sich ploetzlich um viel mehr Freiwillige kuemmern muessen.
Quantitaet geht auf Dauer immer zu Lasten von Qualitaet, mir laueft ein Schauer ueber den Ruecken wenn ich von dem gesteckten Ziel von 10.000 Freiwilligen hoere, und da bei an die vielen frustrieten, schlecht betreuten Freiwilligen denke, die ich bisher schon persoenlich kennen gelernt habe oder von denen ich im Internet Erfahrungsberichte lesen konnte.

Wenn jede einzelne Stelle auf ihre Art besonders ist, einmalig, gut betreut, einfach stimmig, kann damit auch dem Fakt entgegengewirkt werden, dass viele Stellen nun eben nicht arbeitsmarkt neutral sind.
Erst vor ein paar Tagen haben wir beide ja einen Freiwilligen kennengelernt, der vollkommen die Motiavtion an seiner Arbeit verlorern hatte, und den Sinn seines Dienstes in Frage stellte, da er die qualifizierte Lehrerin kennengelernt hatte, der er, als unqualifizierter aber kostenloser Freiwilliger, den Arbeitsplatz weggenommen hatte, wie sich herrausstellte.

Spaetestens hier, wenn dies keine Ausnahme war, wird das Weltwaerts-Programm fuer mich mehr als fragwuerdig. Wenn Freiwillige, erst nach ihrem Dienst, von ihren im Gastland erworbenen „social skills“ profitieren, und damit letztendlich Deutschland von der Weiterqualifikation seiner Staatsbuerger profitiert, waehrend den Staatsangehoerigen des Gastlandes, in diesem Fall besagter Lehrerin, ein Nachteil entsteht, welcher sich im Endeffekt als Nachteil fuer diesen Staat erweist, dann ist solch ein Freiwilligendienst genauso „Dead Aid“ wie viele andere Konzepte in den Versuchen von Entwicklungspolitik.


4 Antworten auf „Friede, Freude, Eierkuchen? – Das Weltwaertsprogramm“


  1. 1 rapha 21. Juni 2010 um 8:52 Uhr

    Hallo Simon, liebe Leser,

    danke erstmal für das Bauchpinseln am Anfang.
    Danke auch für den Kommentar und den Artikel. Die meisten Punkte würde ich so mittragen,auch wenn ich sie nicht so beschreibenkönnte.

    Ich würde dir gerne in einem Punkt wiedersprechen: das die Freiwilligen sich in der Hauptstadt treffen und dort Party machen heißt für mich nicht, dass sie nichts vom Land mitbekommen, es heißt, dass sie etwas anderes von dem Land mitbekommen. Dies kann auch eine Möglichkeit sich gegenseitig hoch zu ziehen, nicht nur eine zum runterziehen. Die schlechte sonstige Betreuung ist der Punkt.

    Das mit dem Tansania Freiwilligen hat mich auch echt nachdenklich gemacht.
    Rapha

  2. 2 Johannes 27. Juni 2010 um 15:37 Uhr

    Bonjoure liebster Mitfreiwilliger,

    du triffst es. Genau dass sind die Probleme des Weltwärtsprogramms. Aber unser Obersterchef, der vielleicht nicht unbedingt meine politische Einstellung teilt, möchte unter anderem genau aus diesen Gründen das weltwärts Programm ja jetzt abschaffen. Dass das abschaffen der Freiwilligen, die in manchen Ländern und Projekten ja schon fast extenziell sind, führt natürlich zu weiteren Problemen. Trotzdem muss man sagen, dass das was wir machen eigentlich nicht vom Entwicklungsministerium finanziert werden sollte. Ich habe da ein wenig dass Gefühl, dass man da Statistiken verschönert: Jedes Jahr gibt der Staat so und so viel Euro für Entwicklungshilfe aus und dass sind dann die Gelder die wir bekommen.
    Wobei genau wie du es beschreibst, der soziale Lerndienst bzw. ich nenne ihn lieber Sozialen Friedensdienst, eine tolle und mit SoFiA und einer Hand voll anderen Entsendeorganisationen auch eine effektive Art des Freiwilligendienstes darstellt. Eine Streichung der Geld führt also auch nicht zu dem was ich mir wünsche.
    Zu den Problemen, die du angesprochen hast, wird es Organisationen und auch uns Freiwlligen mit weltwärts aber auch wieder etwas schwerer gemacht. Sieht man sich beispielsweise an, dass wir irgendwele Bescheinigungen für unsere Taschengelder verschicken müssen, ein bürokratischer Aufwand, der in manchen Gastländer schlichtweg nicht ins alltägliche Leben passt. Wie soll ich Briefe verschicken wenn die Post nicht geht? Schon allein an diesen kleinen aber entscheidenden Punkt, erkennt man das unverständnis derer die im Entwicklungsministerium sitzen (Leider ist das bei vielen Ministerien so Kultusministerium etc.)
    Um nicht noch weiter und mehr hier zu schreiben höre ich jetzt auf und möchte dich fragen, ob ich deinen Kommentar auch auf meinem Blog verlinken darf?

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